Das Botox von Morgen?

Wie benutzt die heutige Jugend Medikamente im Schulalltag?

No pain, no gain – ein Fitnessmotto, das auch in der Schul- und Arbeitswelt praktiziert wird. Jugendliche aus Basel und Zürich geben in einer von Kirschblut durchgeführten Kleinstudie an, aufgrund der steigenden Belastung vermehrt an Schlafstörungen, Kopf- und Gliederschmerzen, schlechter Laune oder Appetitmangel zu leiden. In vereinzelten Fällen führte der Leistungsdruck gar zu Nervenzusammenbrüchen oder Depressionen.

Insgesamt liegt der Durchschnitt des angegebenen Stresslevels bei 6.5 von zehn Punkten, wobei ein Punk überhaupt kein Stress und zehn sehr stressig mit gesundheitlichen Auswirkungen bedeutet. Hierbei sollte angemerkt werden, dass das Stresslevel bei Probandinnen (6.7 Punkte) um 5% höher steht als bei Probanden (6.3 Punkte). Dies mag wohl eine kleine Differenz sein, allerdings sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Meinung, dass sie entweder keinen bemerkenswerten Unterschied zwischen Schülerinnen und Schüler feststellen oder dass Mädchen auf sie gestresster wirken. Eine Aussage, die das Gegenteilige behauptet, sucht man vergeblich.

«Ich glaube, Mädchen kommen viel schneller in das Stressgefühl, weil sie auch mehr lernen bzw. gute Noten schreiben wollen», meint eine Gymnasiastin am GKG. Der Vergleich mit Deutschland ist ebenso interessant: 30% der deutschen Schülerinnen und Schüler leiden an immensem Leistungsdruck. Hierzulande sind es lediglich 6%, die ihr Stressniveau auf neun oder zehn Punkte eingestuft haben. Senken wir allerdings die Richtlinie für «Immensen Leistungsdruck» von neun auf acht Punkte, so steigt der Anteil drastisch auf über 33%.

Schätzen die schweizer Schüler ihr Stresslevel einfach anders ein oder sind sie tatsächlich weniger belastet?

Laut ZDF kommt eines von vier Kindern in Deutschland während seiner Schullaufbahn mit sogenannten Neuroenhancern wie beispielsweise Ritalin zur Stressbekämpfung in Kontakt. Und der Trend ist steigend:

"Wurden 1993 noch keine 35kg Ritalin in einem Jahr verkauft, so waren es 2011 bereits weit über 1.7 Tonnen, eine Steigerung um den Faktor 53."

Ritalin oder Methylphenidat ist ein Stimulans für das zentrale Nervensystem, das normalerweise für die temporäre Unterdrückung von ADHS verschrieben wird. Es unterbindet Nebenhirnaktivitäten, was zu einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit beim Konsumenten führt.

«Man könnte sagen, das Grundrauschen des Gehirns lässt nach»

sagt Claus Normann, Chefarzt der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg.

In der Schweiz ist laut unserer Studie der Anteil wesentlich kleiner: Lediglich 5.2% unserer Probanden berichten, mindestens einmal Ritalin oder ähnliche Substanzen konsumiert zu haben. Ebenso bleibt der Anteil derjenigen, die sich positiv über eine mögliche Verwendung äussern, klein.

Wenn Neuroenhancer nicht die schweizer Antwort auf Schulstress ist, was tun unsere Schülerinnen und Schüler dann?

Wie sich herausstellt, ist die Art und Weise, mit dem Druck umzugehen, von Person
zu Person unterschiedlich: Sport, ein verbessertes Zeitmanagement, Yoga, Musik oder gar Therapie – es mangelt keineswegs an Möglichkeiten, dem Druck entgegenzuwirken. Doch das wichtigste und am weitesten verbreitete Erholungsmittel ist der Konsum von Rauschmitteln wie Alkohol oder Marihuana – würde man denken. Tatsächlich aber geben über 33% der Probandinnen und Probanden an, dass sie Rauschmittelkonsum lediglich zum Spass konsumieren.

„Zum Spass, wenn ich entspannt bin mit Leuten, die ich gut kenne und denen ich vertraue. Aber nie mit dem Ziel, von etwas wegzugehen“

antwortete eine Schülerin auf unsere Frage.

Den vorwiegend bewussten Konsum von Rauschmittel wie Cannabis bestätigt auch
die Suchthilfe Region Basel. Es seien nur wenige Jugendliche bei ihnen in Behandlung, allerdings vermehrt aus dem Grund, dass viele Schülerinnen und Schüler ihre Sucht vor ihren Eltern verbergen.

„Sehr wenige (Schüler sind bei uns in Behandlung), weil in dem Alter die meisten eher geschickt werden, zum Beispiel von den Eltern. In der Regel (sind diese) so zwischen 15 bis 16 Jahre alt“, so Thomas Hügel, ein Sozialarbeiter und Pädagoge am Beratungszentrum der Suchthilfe Region Basel (SRB).

An deutschen Schulen hat der Drogenhandel und -konsum in den letzten 4 Jahren um bis zu 80% zugenommen. 2015 gab es rund 100 drogenbedingte Verstösse pro Bundesland. Auch in der Schweiz kommen nun vermehrt Kiffer in die Beratung.

„Die meisten, die zu uns kommen, sind Kiffer, ca. 50 %. Früher waren es die Opiate, aber da gibt es keine Neueinsteiger, diese werden immer älter. Cannabis ist halt die meistkonsumierte illegale Substanz“, meint Herr Hügel.

Da allerdings das Sozialleben der Betroffenen meist unbeschädigt bleibt, hält sich der Schrecken in Grenzen.

Beide Staaten arbeiten konzentriert daran, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Die Schweiz wendet dabei eine „vier Säulen Politik“ an: Prävention wie beispielsweise Expertenbesuche in den Schulen oder diverse Kampagnen wie „Startklar“ oder „Tom & Lisa“, Beratung und Therapie z.B. durch das SRB, Schadensminderung durch Einsatz von überwachten Konsumräumen wie das Gassenzimmer und durch Repression (Polizei). Auch Deutschland verwendet ähnliche Gegenmassnahmen. Es wird auf informative Prävention gesetzt und nicht auf stumpfe Drohungen.

Die ständige Leistungsoptimierung der westlichen Welt übt einen stetig wachsenden Druck auf Schülerinnen und Schüler aus. Mit ihr wächst je nach Ort der Konsum von Neuroenhancern.

Sind Gehirnstimulanzien das Botox von morgen? Nur die Zeit wird es zeigen, denn nach wie vor mangelt es an Studien in diesem Bereich.

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