Illustration: Angelica Bebing

Der Eingang in die selbstverschuldete Unmündigkeit

„Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Meinungsfreiheit brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.“ So dementiert Edward Snowden das Argument, das viele Menschen anbringen, wenn es um Datenschutz geht. Doch bevor wir genauer auf das Zitat eingehen können, muss der Begriff der Privatsphäre geklärt werden. Privatsphäre ist das Recht, nicht beachtet zu werden, die Möglichkeit sich zurückzuziehen und eigene, den sozialen Normen widersprechende Entscheidungen zu treffen. Privatsphäre ermöglicht einem grundsätzliche Freiheit in der Lebensgestaltung.

Über Jahrhunderte bestand ein Spannungsfeld zwischen Privatpersonen, die ihre Privatsphäre schützen wollten, und dem Staat, der möglichst viel über seine Bürger in Erfahrung bringen wollte. Da es aber technisch unmöglich war, so viele Daten über die Menschen zu sammeln und zentralisiert zu verarbeiten, schaffte es selbst das autokratischste System nicht, seine Bürger vollständig zu überwachen.

Dies hat sich mit dem Aufkommen von Computertechnik, künstlicher Intelligenz, dem Internet und den Smartphones grundlegend geändert. Durch diese Erfindungen wurde es möglich, riesige Datensätze zu verarbeiten. Ausserdem erschlossen die technischen Neuerungen völlig neue Möglichkeiten zur Datenerhebung: Suchverläufe im Internet, Likes auf Instagram, das Benutzerverhalten auf Netflix, Nachrichten auf WhatsApp und Ortungsdaten auf Google Maps machen es möglich, den gesamten Tagesablauf von Milliarden von Menschen zu überwachen. Der gläserne Mensch ist Realität, Privatsphäre eine Illusion. Es hat also eine markante Kräfteverschiebung in unserem Spannungsfeld gegeben: Firmen, die früher neutrale Akteure waren, besitzen nun enorme Datenmengen, die gehandelt werden wie das neue Gold.

Denn mit Daten kann man unglaublich viel Geld machen, beispielsweise in der Werbeindustrie, wo früher die Hälfte des Geldes verschwendet wurde, da man die Werbung nicht personalisieren konnte. Heutzutage läuft das eigentliche Geschäftsmodell der Tech-Giganten nicht über ihre Dienste, sondern in der Schaltung von Anzeigen, die aufgrund der enormen Datenmengen, die von ebendiesen Firmen gesammelt wurden, umso effizienter sind. Die Menschen sind zum Produkt geworden.

Dies ist den meisten Menschen so bewusst wie auch egal.

Verbesserte Suchergebnisse auf Google, personalisierte Musikvorschläge auf Spotify und erhöhte Sicherheit im öffentlichen Raum aufgrund von Datenerhebungen im Gegenzug zu ihrer Privatsphäre, diesen Vertrag sind viele Menschen bereit einzugehen. Wobei natürlich klar sein muss, das dieser „Vertrag“ verschleiert abgeschlossen wird. Seit der Datenschutzreform 2018 ist es Pflicht dem Nutzer anzuzeigen, wenn Daten gesammelt werden und nach einer Zustimmung des Nutzers zu fragen. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen werden aber häufig erst auf Verlangen angezeigt und sind für Laien so unverständlich, dass die meisten sie blind annehmen, da sonst auch die Dienste nicht weiter zugänglich wären. Aus diesem Grund nehmen viele in Kauf, dass ihre Daten auch an Dritte weitergegeben werden können, und geben ihre Privatsphäre auf – die Frage ist nur, zu welchem Preis?

Mit unserer Zustimmung geben wir den Firmen nämlich nicht nur unsere Daten und somit die Möglichkeit, auf unseren Kosten Geld zu verdienen, sondern auch eine enorme Macht. Mit Daten kann man nämlich weitaus andere Dinge anstellen als personalisierte Werbung zu verkaufen. Es lassen sich Diktaturen errichten oder Wahlen beeinflussen.

Das prominenteste Beispiel dafür ist der Cambridge Analytica-Skandal: Diese Firma hatte die Facebook-Daten von über 80 Millionen Amerikanern analysiert, um so personalisierten Wahlkampf für Donald Trump zu machen. Experten sind sich im Nachhinein sicher, dass es nur durch diese Beeinflussung der Wählerschaft zum Wahlsieg Donald Trumps kommen konnte. Ähnlich verlief es beim Brexit-Referendum 2016.

Diese einseitige Manipulation der Wählerschaft könnte den Tod für freie politische Entscheidungen und somit der Demokratie bedeuten.

Es kommt aber noch unheimlicher: In China wird momentan mit dem „Sozialkreditsystem“ eine orwell’sche Dystopie erprobt. Aufgrund von flächendeckender Videoüberwachung, Datenanalyse von Staat und privaten Firmen und anderen Methoden werden Bürger*innen und Unternehmen Punkte zugewiesen, die ihre „Kreditwürdigkeit“ abbilden sollen. Bewertet wird „gutes“ Verhalten wie Blutspenden, Schuldenlosigkeit oder positive Aussagen über die Partei, Abzug gibt es für den Kauf von Alkohol oder kritisches Denken. Eine Unterdrückungsmaschinerie, effizienter als jedes Spitzelsystem. Das Pilotprojekt soll in den nächsten Jahren für alle 1.4 Milliarden Chinesen obligatorisch werden.

Die Möglichkeiten, die uns Big Data und KI eröffnen, sind selbstverständlich nicht grundsätzlich schlecht. Jedoch ist es beängstigend zu sehen, wer in diesen Themen vorreitend ist und sich dementsprechend Macht sichert. Es sind autokratische Systeme wie China und einige wenige Tech-Giganten, über die Privatpersonen keine Kontrolle haben, schon gar nicht bei der Verarbeitung und dem Weiterverkauf von persönlichen Daten.

Weshalb führt diese Problematik nicht zu viel mehr Protest in der Bevölkerung?

Wieso lässt uns die enorme Abhängigkeit von einigen wenigen, die unsere tiefsten Bedürfnisse kennen und jeden Tritt überwachen, mit der Macht uns zu manipulieren – und sei es nur zum Kauf eines Produktes – so kalt? Warum sagen so viele: „Ich habe doch nichts zu verbergen, lass mich meine Katzenvideos schauen“

Diese Apathie lässt sich vielleicht durch Unwissen erklären, doch selbst jene, die sich all dem bewusst sind, haben grosse Schwierigkeiten, sich von Google, Facebook und Co. zu lösen. Vielleicht liegt es an der Umgewöhnung und dem Aufwand, der einem bei einem Wechsel zu Alternativen begegnet. Vielleicht schreckt einem der soziale Verlust ab, den man erleidet, wenn man nicht mehr auf Insta und Facebook mit seinen Freunden vernetzt ist. Doch wechselten alle gemeinsam, würde dieses Argument nichtig. Gerade auf Social Media könnte sich eine solche Bewegung formieren, die den datensammelnden Tech-Firmen abschwört. Vermutlich geschah es noch nicht, da wir noch zu wenig von den negativen Folgen von Big Data spüren – oder weil wir bereits zu apathisch geworden sind.

Der Algorithmus sagt mir, welche Musik ich mag, welche Produkte ich kaufen soll, welcher Partner zu mir passt, welches Hochschulstudium ich wählen soll, wohin ich fahren soll – und ich folge ihm – vielleicht bis in den Abgrund, wie der Amerikaner, der 2010 mit seinem Auto beinahe einen Abgrund hinuntergestürzt wäre, mit der Begründung Google Maps habe ihm gesagt, dass er weiterfahren solle.

Das Selberdenken gerät immer weiter in den Hintergrund, wir werden immer abhängiger von Big Data, von wenigen Mächtigen in Versailles – nein, im Silicon Valley und wir folgen Google Maps langsam in den Eingang der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

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