Drittkulturkind

Von pünktlichem Stossverkehr, Tortellini aus der Migros und Touri-schlitze

Als ich sechs Jahre alt war, kamen meine Eltern in mein Zimmer und meinten, wir würden in einigen Monaten umziehen. Damals lebten wir und hatten schon immer in der Megastadt Sao Paulo in Brasilien gelebt. Unfehlbar pünktlichen Stossverkehr, unaushaltbar heisse Sommertage und diese unendliche Stadt war alles, was ich kannte. Ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr, was mein erster Gedanke war, als ich erfuhr, dass wir von einer riesigen Stadt in Südamerika in ein kleines, schweizer Dorf in der Nähe von Basel ziehen würden. Wahrscheinlich was auch immer äquivalent zu «What the fuck» für eine sechsjährige war. Was ich aber noch gut in Erinnerung habe ist, wie ich einige Minuten später auf dem Schoss meiner Eltern weinte und sie mich zum Trost auf Google Maps in Basel hermrumführten. Dies war absolut nicht tröstend. Überbearbeitete Stock Bilder aus der Innenstadt hätten besser überzeugt. 

 

Ich bin bei weitem nicht die Einzige, die eine solche Erinnerung hat. Immer mehr Menschen wollen oder müssen aus Ihrer Heimat ausziehen und nehmen Ihre Familien mit. Sei es für bessere Arbeits- oder Lebensopportunitäten, aus familiären Gründen oder weil wir Menschen heutzutage allgemein mobiler sind und wenn sowieso von Zuhause aus gearbeitet wird, wäre doch ein Zuhause in Bali einfach geiler. 

 

Unabhängig vom Grund, lässt sich beobachten, dass die Zahl von internationalen Migranten steigt und immer mehr Leute in einer Kultur leben, die nicht ihre eigene ist. 

 

Was hat das Ganze mit Identität zu tun? Na, ganz viel eigentlich. 

 

Das, was man ist

Zuerst etwas zu der Identität selbst. Identität ist ein viel verwendeter Begriff, aber dennoch schwer greifbar. Ihr könnt euch gerne online an verschiedenen Definitionen und Interpretationen bedienen. Die Kernaussage lautet aber immer: Identität ist das, was man ist. Sozusagen all das, was eine Person zu dieser Person macht. Die Frage ist aber immer, was sind das alles für Dinge, die einen ausmachen? Darüber lässt sich diskutieren. 

 

Es gibt verschiedene Faktoren, die zur Identitätsbildung beitragen können. Dabei sollen äusserliche Faktoren besonders wichtig sein. Das Bedeutet so viel wie: Die Menschen um uns und unsere Beziehungen zu ihnen haben ordentlich viel Einfluss auf unsere Identität. Vielleicht mehr als wir zugeben mögen. Die Kultur, in der man aufwächst und lebt, zählt zu einer dieser sogenannten äusserlichen Faktoren, die uns stark beeinflussen. Das hat wenig mit blöden Stereotypen zu tun und alles mit Gruppenzugehörigkeit. Wenn sich eine Gruppe Menschen aufgrund gemeinsamer Identitätsmerkmalen miteinander verbunden fühlen, wird von einer «Kollektiv-Identität» gesprochen.

 

Wir haben als Kind aus unserem direkten Umfeld gelernt, zu welchen «Gruppen» wir gehören und zu welchen nicht. Wir bekamen somit diese «Kollektiv-Identität» zu spüren. Der Gedanke daran, dass man schon früh lernt, sich unter anderem aufgrund von Sozialstatus, Religion und Nationalität von anderen zu unterscheiden, ist irgendwie unschön. Das liegt daran, dass wir diese Unterscheidung direkt mit Diskriminierung verbinden. Soweit kommt es noch gar nicht. Es handelt sich dabei an erster Stelle um Anerkennung von Diversität. Es geht darum, dass man als Kind lernt, dass wir uns nun mal alle unterscheiden.

 

Je nach Gruppe oder Kultur, zu der man sich zugehörig fühlt, entwickelt sich die Identität eines Kindes unterschiedlich. Das klingt alles etwas oberflächlich und kann sehr irreführend sein. Es bedeutet keinesfalls, dass man nun eine Wissenschaftliche Ausrede dafür hat, Leute zu verallgemeinern. Es bedeutet vielmehr, dass wir einzelne Eigenschaften von unserem Umfeld, unserer Kultur, mitnehmen und diese dann in unsere eigene Identität flechten. Zudem ist Identifizierung mit einer Kultur durchaus wichtig für eine klare und stabile Selbstwahrnehmung.

 

 

 

Prototyp der Globalisierung

Nun wäre es ja schön und gut, wenn sich alle Kinder einer Kultur zugehörig fühlen würden. Es gibt aber Welche, die in einer oder auch mehreren Kulturen aufwachsen wie die, die sie zuhause erleben und somit diese klare Zugehörigkeit einer Gruppe nie erleben. Ist nach eigener Erfahrung auch sehr schön und gut, aber Identitätsmässig etwas verwirrend.

 

Ich war letztens online unterwegs und las mir durch, was es bezüglich Kindern, die ausserhalb ihrer eigenen Kultur aufwachsen, zu lesen gab. Besonders amüsant fand ich einen Artikel, der diese Kinder als «Prototyp der Globalisierung» beschrieb. Woah geil, dachte ich mir. Das nächste Mal, wenn mich jemand fragt, ob ich mich mehr mit der brasilianischen oder der schweizerischen Kultur identifiziere, sage ich vollkommen ernst, dass ich mich eigentlich als Prototyp der Globalisierung sehe. Spass beiseite. Es gibt tatsächlich einen etwas besseren Oberbegriff für Kinder, die mit zwei Kulturen aufgewachsen sind: Drittkulturkinder, abgekürzt DKK.

 

Kurz zum Begriff: Drittkulturkinder, übersetzt vom englischen «Third Culture Kids», sind Kinder, die ausserhalb der Kultur der Eltern aufgewachsen sind oder die in der Kindheit oft umgezogen sind. «Drittkultur» heisst es, weil diese Kinder sich oft mit keiner der Kulturen vollkommen identifizieren können und somit eine Mischung aus beiden Kulturen machen.

 

Drittkulturkinder sind keine Seltenheit mehr in der heutigen Gesellschaft. Wenn ich mich in meiner Klasse oder in meinem Freundeskreis umschaue, lässt sich feststellen, dass die Mehrheit DKKs sind. Obschon es mittlerweile viele DKKs gibt, wird zu wenig über die verbundenen Schwierigkeiten gesprochen. 

 

So ging meine Recherche weiter. Was für Schwierigkeiten sind üblich für DKKs? Wie viele meiner Probleme kann ich mir wohl von Google wissenschaftlich erklären lassen?

 

Fondue oder Feijoada

Glücklicherweise kam mir da «Buzzfeed» mit einer ausserordentlich hilfreichen Liste namens «26 Entscheidungen, die für Drittkulturkinder äusserst schwierig zu treffen sind» zur Hilfe.

 

Entscheidung Nummer sechs: «Picking a cuisine for dinner». Ich finde es schon toll, dass es Menschen da draussen gibt, die denken, ich würde mir abends den Kopf zerbrechen, ob ich jetzt Fondue esse oder mir eine brasilianische Feijoada koche, während ich mir wahrscheinlich schon zum vierten Mal in der gleichen Woche Tortellini aus der Migros gönne.

 

Nummer acht war auch hervorragend: «Which Time zone to celebrate your birthday in”. Ab sofort soll mir keiner mehr um Mitternacht gratulieren. Ich muss zuerst ganz lange darüber nachdenken, ob ich nicht doch erst um vier Uhr morgens feiern möchte.

 

Natürlich hätte ich auch nicht viel von “Buzzfeed” erwarten sollen. Vor allem nicht, wenn ich nach wissenschaftlichen Quellen suche. Was ich hiermit aber betonen will, ist, dass die Probleme, die manche DKKs aufgrund ihrer Kindheit erleben, viel grösser und komplizierter sein können als zu entscheiden, ob man sich im Flugzeug die Sicherheitsnachricht anhört oder schon schlafen geht (ich scherze nicht, aber “Buzzfeed” hoffentlich schon). Im Internet stösst man noch oft auf solche «lustigen» Artikel. Diese geben sehr echten Probleme, die für viele Menschen eine enorme Rolle spielen, eine gewisse Leichtigkeit. Es ist auch vollkommen in Ordnung darüber zu lachen. Was nicht in Ordnung ist, ist wenn man zu wenig über die ernstere Seite dieser Anliegen spricht.

 

 

Gegen zwei Wände

Nicht zu wissen, wo «Zuhause» ist oder zu welcher Kultur man sich zugehörig fühlt, kann nämlich auch ziemlich scheisse sein. Warum? Weil das Gefühl von Zuhause unglaublich schön ist. Weil es sich gut anfühlt, sich dermassen zu einem Ort verbunden zu fühlen. Weil das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit beruhigend ist und weil Zugehörigkeit zu einer Kultur unglaublich viel für einen macht, wenn es um die Identitätsbildung geht. Wenn das alles wegfällt, hinterlässt es erstmal eine Leere und Ratlosigkeit.

 

Als ich mich schon komplett in der Schweiz eingelebt hatte, kam es zum ersten Mal zu Verwirrungen, was mein «Zuhause» anging. Als Kind war es mir eigentlich immer klar gewesen: Ich bin Brasilianerin. Als ich dreizehn Jahre alt war, waren wir in den Fasnachtsferien in Brasilien zu Besuch. Meine Tante machte einen Kommentar, welcher mich damals etwas gestört hatte: «Du bist ja so still, gar keine richtige Brasilianerin mehr».

2 Wochen später packte ich meinen Rucksack für das Skilager in der darauffolgenden Woche. Am allerersten Tag, als ich mit meiner viel zu grossen Ski-Jacke auf die Piste ging, meinte einer meiner Schulkollegen direkt: «Eine Brasilianerin im Schnee, sowas sieht man ja nie». Später in der Woche meinte eine Freundin zu mir, der Abstand zwischen meiner Skibrille und meinem Helm nenne sich «Tourischlitz». Somit war jegliches Zugehörigkeitsgefühl gegessen.

 

Zwischen zwei Kulturen hin und her zu rennen und bei beiden gegen eine Wand zu laufen ist unangenehm und ärgerlich, bis man merkt, in der Mitte stehen zu bleiben ist auch eine Option. Wenn man sich langsam dem «Irgendwas dazwischen» herantastet, merkt man, dass es gar nicht so schlimm ist, wie man denkt.

 

Diese gemischte Definition von «Zuhause» oder «Heimat», die DKKs entwickeln, ist abstrakt. Vielleicht sowie auch diese von allen anderen Menschen. Das Heimatgefühl lässt sich nämlich nicht mit einer einheitlichen Formel definieren und unterscheidet sich von Person zu Person. Familie und Freunde, Sprache, Essen, Musik und die Mentalität der Menschen könnten beispielsweise wichtige Faktoren sein. Der Unterschied bei DKKs ist, dass all diese Faktoren nicht mehr im Zusammenspiel stehen und es darum etwas schwieriger ist, dieses Gefühl zu fassen oder zu definieren.

 

In meiner Erfahrung ist das Heimatgefühl schlussendlich dennoch zu finden, einfach nicht am gleichen Ort. Wenn ich in Brasilien bei meinen Grosseltern sitze und ihnen erzähle, wie das Leben so ist, fühle ich mich Zuhause. Genauso wie wenn ich mit meinen Freunden in der Schweiz bin und mit Ihnen über sinnlose Dinge lache.

 

 

Es ist nicht alles scheisse

Eine solch grosse Veränderung während der Kindheit bringt nicht bloss Identitätskrisen und Unstetigkeit. Es sorgt auch dafür, dass man eine gewisse Offenheit mit sich trägt. Veränderungen bereiten nicht mehr solch grosse Angst, solange nicht ein Vorstellungskreis, in einer neuen Schule, auf einer Sprache, die man nicht beherrscht, beinhaltet ist. Diese unbeherrschte Sprache lernt man aber auch ziemlich schnell, und als Kind schon zwei- oder sogar mehrsprachig zu sein ist ziemlich cool. Sich nirgendwo zuhause zu fühlen bedeutet auch, dass man sich nirgendwo wirklich fremd fühlt und so können sich DKKs ziemlich schnell an neue Kulturen gewöhnen.

 

Grosse Veränderungen sind unangenehm. Die neue Sprache zu lernen ist schwierig, sich damit abfinden, dass es ab einem Zeitpunkt kein «Zuhause» mehr gibt, ist schwierig und das Kollektivtrauma von fremdsprachigen Vorstellungskreisen in der Schule wegzustecken ist schwierig. Es ist wichtig, dass wir darüber sprechen. Und es ist noch wichtiger, dass wir uns ab und zu auf den Rücken klopfen und realisieren, dass uns diese ständigen Schwierigkeiten eigentlich ganz viel gebracht haben.

 

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