Lasst uns träumen, alle Menschen wären… links?

Der Knopf, der alle gleich denken lässt: Ein Gedankenexperiment über Demokratie, Freiheit und Meinungsvielfalt.

Stell dir mal kurz vor, du wärst Gott. Nein, nicht der Gott; nicht der, der die Welt erschaffen hat, der in Liedern besungen wird, der alte Mann mit Bart. Der Gott der Politik. Du sitzt in deinem göttlichen Büro, Etage 5 Zimmer 3, im prunkvollen Oval Office des Himmelreichs. Lass deiner Fantasie freien Lauf, was du dir auch immer gerade vorstellen magst, ob Wolkenpalast oder Beamtenhöhle, dort sitzt du und verweilst, in nachdenklicher wissensumwobener Einsamkeit. Vor dir, ein roter Knopf, der dir den Schlaf frisst. Denn du weisst nicht, was du tun sollst: Sollst du ihn drücken, oder es lassen? Hin und her wiegend, dringst du immer tiefer in das Gedankenkonstrukt ein, welches wir Politik nennen. Du grübelst, denkst, glaubst in einer hellen Sekunde der Antwort ganz nahe zu sein, bis sie verfliegt, so wie sie gekommen ist, und du weiter grübelst. Denn wenn du den Knopf drückst, hast du durch göttliche Fügung alle Verschiedenheit in Identität und Denkansatz über politische Dinge ausgemerzt und dem natürlichen Pluralismus ein Ende bereitet. Alle denken, fühlen und handeln über Politik so wie du.

 

Der Titel dieses Textes heisst nicht zufällig, lasst uns träumen alle Menschen wären Links. Doch er hätte auch lasst uns träumen alle Menschen wären rechts, liberal oder kommunistisch heissen können. Manchmal ist es gut, den Nagel möglichst auf den Kopf zu treffen.

 

Basel ist eine Stadt und Städte sind links. Und du – liebe Leserin oder lieber Leser – besuchst vermutlich eines der fünf Gymnasien Basels und gehörst damit zur Bildungselite, welche ebenfalls eher links ist. Somit spreche ich mit dem für manche Ohren durchaus provokanten Titel, lasst uns träumen alle Menschen wären links, den zumindest statistisch durchschnittlichen Lesenden dieses Magazins an. Zumindest, weil es dieses glattrasierte Kind einer Statistik, in Fleisch und Blut, natürlich nicht gibt.

Vielleicht habe ich durch das ganze Reden um den heissen Brei deine anfänglich sprudelnde Vorfreude und Energie bereits etwas versiegen lassen. Doch ich bin mir sicher, am Anfang war sie da, das zumindest kurze Aufleuchten beim heissen Gedanken daran, deine ideale Gesellschaft verwirklicht zu sehen. Oder etwa doch nicht; das kann ich nicht glauben. Jeder Mensch, der auf die ein oder andere Weise politisiert ist, also Meinungen zu Themen besitzt und dabei aktiv wird, will diese Meinung verbreitet sehen. Er wirbt für seine Ansichten, mit dem Ziel möglichst viele Menschen davon zu überzeugen. Ja unser gesamtes politisches System ist auf die intuitive Bejahung dieses Gedankens ausgelegt. Denn alle Akteure wollen so viel von dem, so viel Zuspruch, so viele Stimmen so viele Anhänger: innen wie es nur irgendwie geht. Sie kämpfen auf der Strasse und im Netz mit Leidenschaft dafür, ihrer Überzeugung zum Sieg am digitalen und analogen Stammtisch, an der Urne und im Parlament zu verhelfen. Der rote Knopf, der auf dem Schreibtisch in der himmlischen Beamtenhöhle – Etage 5 Zimmer 3 – angebracht ist, ist lediglich die ultimative Manifestierung dieses Engagements. Es ist der abgekürzte Weg, der politische Zauberstab, der einen zu dem fernen Ziel bringt, zu dem man seit langem mühsam hinarbeitet. Manch ein eingefleischter Parteipolitiker wird sich wohl an der überhasteten Antwort fast verschluckt und dann verkrampft behauptet haben, das sei ja undemokratisch. Na gut, wer wären wir, wenn wir auch nicht dafür gewappnet wären. Bitte schön, raus auf den Gang, rein in den Lift und ab ins Zimmer 16 einen Stock höher. Dort ist ein grüner Knopf auf dem Schreibtisch angebracht. Unser Parteisoldat nimmt seine schmutzige Brille hervor und liest was daneben steht: Jeweils plus 5% Stimmenanteil bei der nächsten Wahl oder Abstimmung; und schon kommt er wieder ins Schwitzen. Lassen wir ihn noch allein und unbeobachtet und siehe da, ein Wunder ist geschehen.

Doch warum soll man den Knopf eigentlich nicht drücken, wäre dann nicht vieles besser? Alle würden am selben Strang ziehen und könnten die Gesellschaft nach ihrem Willen umgestalten. Wo liegt überhaupt der Unterschied, ob ein Mensch durch Redekunst und Überzeugungsarbeit gewonnen wird oder bereits schon immer so dachte? Na gut, ich gebe zu: Kurz oder lang bevor unser schwitzender Anzugträger sich nervös auf die Lippe beissend in stickigen Zimmern auf grüne oder rote Knöpfe starrte, haben sich all die Menschen, die in jener Situation als politisch gesetzt gelten, eine eigene Meinung gebildet. Diese selbstbestimmte Meinungsbildung ist unantastbar. Wie frei sie dabei aber wirklich waren, ist schwieriger zu beantworten als man denkt. Der Mensch ist ein wahnsinnig beeinflussbares Wesen. Politisches Gedankengut ist nicht genetisch veranlagt oder frei wählbar, sondern kommt in erster Linie durch die Sozialisation zustande. Niemand kommt links oder rechts zur Welt. Doch ob man mal links oder rechts wird, ist auch schon zu jener unschuldigen Sekunde der Geburt, zu einem gewissen Grad vorbestimmt. Ein Kind, das in rechten Kreisen geboren wird, wird nicht rechts, weil es das will, sondern weil es von seiner Umgebung so geprägt wurde. Und genauso ist es natürlich auch bei jeder anderen politischen Identität und Gesinnung. Doch was heisst «wollen» in diesem Kontext überhaupt? Der Wille ist ein Gefühl zu etwas, das ein Verlangen nach etwas auslöst, aus dem unsere bewussten Handlungen erwachsen. So kann der Mensch sicherlich bekommen oder auch nicht bekommen, was er will, doch er hat keineswegs die Fähigkeit, seinen Willen nach Belieben zu formen. Ich könnte nicht plötzlich wollen, dass ab morgen Mathematik mein Lieblingsfach ist oder ich unbedingt nach Russland auswandern will, denn das will ich nicht. Ich kann meine Gefühle nicht nach Belieben steuern, sie sind mir gegeben. Manch einem mag sich nun der nagende Gedanke aufgedrängt haben, ob dies nicht die Freiheit des Menschen ganz grundsätzlich in Frage stellt. Darüber streiten sich Philosoph: innen seit bald 3000 Jahren. Doch auch wenn der Mensch frei ist, was ich schwer hoffe, kann niemand die enorme Beeinflussung in Frage stellen, die seine Umwelt auf ihn ausübt. Kann der Mensch also vollends selbst entscheiden, wie er politisch tickt? Wohl eher nicht.

 

Ich habe diese Frage mehreren Teilnehmer: innen der nationalen Jugendsession in Bern gestellt, bei der das Quint Magazin als journalistische Begleitung anwesend war. Wichtig hierbei ist, dass die folgenden Ergebnisse keine repräsentative oder auf wissenschaftlichen Methoden beruhende Umfrage darstellen.

 

Die Antworten der rund 20 Befragten, liessen sich allerdings in vier grobe Richtungen aufteilen, wobei die meisten mehrere Denkansätze verfolgten. Mehr als die Hälfte der Befragten lehnten das Drücken des Knopfes unter anderem deswegen ab, weil es gegen ihr demokratisches Verständnis verstossen würde. Eine «Monopolbildung» in der Politik wäre nie gut. Verschiedene Ansichten würden den Diskurs erst beleben, dessen gesunde Praxis eine Art Lebenselixier und unverzichtbare Grundlage jeder demokratischen Gesellschaft darstellen würde. Manche gingen sogar noch weiter und meinten, dass die beste Lösung für ein Problem immer die sei, die durch die Kombination mehrerer Lösungsansätze verschiedener Denkweisen entstehe. Ausserdem würde das Drücken grosse Gefahren bergen. Von einer gegenseitigen Extremisierung, da keine relevante Gegenrede zur vorherrschenden Meinung existiere, ist die Rede.

 

Dieses Phänomen hat einen Namen und ist in der Sozialpsychologie gut bekannt: In sogenannten Echokammern oder sozialen Bubbles, in denen sich ähnliche Ansichten gegenseitig hochschaukeln und verstärken, ist Extremisierung aufgrund von Einseitigkeit, bereits heute allgegenwärtig.

Als zweiten Grund – den Knopf nicht zu betätigen – wurden einige Befragte etwas philosophischer: Sie hätten ethisch gesehen nicht das Recht dazu, die Meinung anderer auf eine solche Art zu beeinflussen. Unsere inneren Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse und Hoffnungen, die die Gesamtheit unseres politischen Willens darstellen, wären unser grösster Schatz und daher unantastbar. Sie auf Knopfdruck wie bei einem Computerprogramm zu löschen und nach Belieben umzuschreiben, das töne ja fast schon wie «Gehirnwäsche». Mit einer solchen Handlung würde man den Menschen entmenschlichen und zum manipulierten Gerät machen, zum Zweck an etwas anderem. Ein weiteres Gegenargument, das von zirka einem Viertel der Befragten angemerkt wurde, ist schlicht die menschliche Fehlbarkeit. Jemand der aus altruistischen, also selbstlosen Motiven den Knopf drückt, müsste der Überzeugung sein ganz sicher wissen zu können, was objektiv für alle Menschen gut wäre. Kann das jemand? Kann jemand sich ganz sicher sein, dass er der enormen Verantwortung, die mit dem Drücken einhergeht, überhaupt gewachsen ist? Und was bedeutet das überhaupt, es altruistisch allen recht machen zu wollen? Müsste man dafür nicht jedem einzelnen Menschen tief in die Seele blicken, um die Essenz seiner wahren Bedürfnisse erfassen zu können? Die Fähigkeit, diesen Knopf über jeden Zweifel erhaben drücken zu können, hat nur ein allwissender Gott. Und ein solcher lebt bekanntlich nicht unter uns. Und trotzdem, trotz all diesen wohl überlegten Zweifeln gab es ein Paar, die ihn betätigt hätten; und dazu noch zahlreiche Weitere, die zumindest mit dem Gedanken liebäugelten.

«Ich hätte ihn gedrückt, würde er bloss allen Extremismus beenden»

«Ich hätte ihn gedrückt, wenn man nicht mehr über menschenfeindliche Themen diskutieren müsste». «Ich hätte ihn gedrückt, wenn wir damit zumindest alle auf derselben Werte Basis argumentieren würden». Alles nachvollziehbare Gedanken. Doch wo fängt Extremismus an und wo hört er auf, wer definiert, welches Thema menschenfeindlich ist und welches nicht und welche Wertebasis ist die moralisch richtige? Man wird wohl in jeder Ecke des politischen Spektrums Menschen finden, die sich darauf verstehen einem auf elegante und intelligente Weise zu erzählen, das sie und nur sie recht haben und die Welt besser verstehen als alle anderen. Und das daraus eine unverrückbare absolute Legitimität erwachse, den Knopf zu drücken, die Irrtümer der anderen aufzudecken und die Probleme der Welt zu lösen.

 

Vielleicht sagt die Ganze Knopf-Geschichte viel weniger darüber aus, wie unsere Welt und die Gesellschaft in ihr objektiv funktioniert und viel mehr, wie wir als Menschen über sie denken. Was wir uns zutrauen, was wir über uns denken, was uns glücklich und was uns wütend macht. Was wir unseren Mitmenschen zutrauen, was wir über sie denken und wie wichtig es uns ist, zu verstehen was sie wütend und was sie glücklich macht. Vielleicht deckt das Knopf-Gedankenspiel schlicht und einfach die autoritären Tendenzen auf, die in uns allen schlummern. Die Tendenz recht haben zu wollen, die Tendenz andere zu führen oder von anderen geführt zu werden. Immerhin wollte niemand den Knopf mit Inbrunst drücken; diese Hemmung scheint mittlerweile gelernt.

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