Illustriert von Tim Landolt

Was darf ich träumen?

Eine philosophische Diskussion über den Traum, oder; Warum wir träumen müssen.

Träume tragen oft eine negative Konnotation mit sich: Ein Individuum, das in seinen Träumen versunken ist, wird sich im echten Leben nicht fortbewegen können. Sätze wie „Du sollst nicht träumen!“ sind uns allen wohlbekannt. Alles, was uns von Nutzen ist, muss standhaft und fest sein; denn es ist die Notwendigkeit eines Etwas, die dieses definiert, nicht dessen Bedeutung. Träume wirken hierbei als ein Paradox; ihre Nicht-Existenz macht diese bedeutungslos. Doch ist der Traum nicht genau das, was auch als Beginn eines Etwas definiert werden kann? Ideen beginnen oft mit einem Traum, einer Wunschvorstellung. Aus Ideen können dann feste Gegenstände, sowie feste Handlungen entspringen. Bei genauerer philosophischer Betrachtung entsteht hierbei ausserdem eine Dualität: Auf metaphysischer Ebene kann der Traum, bzw. ein Zustand dessen, auch als Ende bezeichnet werden. Nahtod-Zeug*innen berichten oft von Phantasiegebilden – schillernde Farben, schwebende Gegenstände, ein Licht am Ende eines langen Tunnels – welche durchaus mit Träumen verglichen werden können. Zumindest metaphorisch wirkt die Vorstellung, mit einem Traum das Leben zu beenden, schon fast tröstend. Doch wir wollen hier nicht nur über spekulative Traumbilder reden.

Träume sind zwar nichts Standfestes, doch können sie uns durchaus auch als Kompass und Wegweiser dienen. Schon als Kinder erträumten wir uns ein anderes Leben. Wir wollten alles; Prinzessin, Sänger*in, Schauspieler*in – und das am besten gleichzeitig. Während des Älterwerdens mussten wir aber bemerken, dass unsere Kinderträume der Realität immer wie fremder werden. Was dürfen wir also noch träumen, wenn unsere Träume sowieso nie in die Wirklichkeit umgesetzt werden können?

Wir nehmen wieder das Beispiel eines Kindes: Es lernt, dass es seinen Mitmenschen keinen Schmerz zufügen soll. Folglich wünscht es sich, dass es allen Menschen gut geht. Doch wenn wir heute die Nachrichten verfolgen, dann ist es genau das Gegenteil, welches uns begegnen wird: Schmerz, Leid und Tod gehören zum Alltag eines Grossteils der Menschheit. Je mehr wir mit solchen Bildern konfrontiert werden, desto ferner ist uns der Traum einer “heilen Welt“. Unsere Kinderaugen fangen langsam an zu erblinden. Doch was können wir dagegen tun? Einfach gesagt: Wir müssen lernen, wieder zu träumen. Wenn wir eine gerechtere, bessere Welt in unserem Kopf schaffen und nach dieser Maxime leben, dann formen wir auch unsere Umwelt mit unseren Vorstellungen. Tennyson schrieb: “Träume sind wahr, solange wir träumen. Und leben wir nicht immer im Traum?” Leider können wir nicht unser ganzes Leben lang träumen – was würde uns das schon bringen – denn es ist notwendig, dass wir ab und zu aus unseren Träumen heraustreten. Dies funktioniert aber nur, wenn wir die Ideen unserer Träume an die Hand nehmen und mit uns ziehen. Mit “an die Hand nehmen” ist gemeint, dass wir anstreben, unsere Traumvorstellungen auch in der echten Welt umzusetzen. Wir sollten aktiv werden und den uns gegebenen Verstand nutzen. Wir sind mit etwas nicht zufrieden? Dann sollten wir uns Gehör verschaffen. Wir verstehen etwas nicht? Dann sollten wir uns darüber aufklären. Unsere Träume nehmen erst dann Gestalt an, wenn wir beginnen, mit der Welt um uns herum zu interagieren und sie zu hinterfragen.

Illustriert von Kalina

Die Wichtigkeit von Träumen wird daher oft unterschätzt (oder gar unterdrückt). Doch wie schrecklich wäre eine Welt ohne den Traum. Zwar müssen wir akzeptieren, dass der Traum des Prinzessinendaseins etwas unrealistisch ist, doch können wir unsere Fähigkeit zu träumen durchaus nutzen, um den sozialen Fortschritt zu fördern. Denn wer möchte in einer immer ungerechter werdenden Welt wirklich noch Prinzessin werden? So wie es Shaw schreibt: “Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?”

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