Wieso uns Grenzen Freiheit schenken können

Wenn man unsere soziale, wirtschaftliche und politische Lage in der Schweiz betrachtet, müsste ich die Frage, ob ich frei sei, mit einem definitiven “Ja” beantworten. Doch bin ich das wirklich?

“Was macht Freiheit aus? Und ist der Mensch überhaupt jemals frei? ”

Das habe ich mich heute beim Aufstehen gefragt. “Bin ich wirklich frei?” Ich bin noch zu schläfrig, um weiter über diesen Gedanken nachzugrübeln. Also tue ich, was ich jeden Tag tue: duschen, anziehen, die Treppen hinuntergehen, Frühstück vorbereiten. Das gleiche Frühstück wie jeden Morgen. Am Tisch an den Platz, den ich immer morgens besetze. Während dem Essen kommt der Gedanke wieder: “Ist der Mensch überhaupt jemals frei? Bin ich wirklich frei?” Wenn man unsere soziale, wirtschaftliche und politische Lage in der Schweiz betrachtet, müsste ich die Frage, ob ich frei sei, mit einem definitiven “Ja” beantworten. Doch bin ich das wirklich? Klar, ziehe ich die ganzen Orte auf der Welt in Betracht, an denen die meisten Menschen weder sozial, wirtschaftlich, noch politisch als frei angesehen werden können, müsste ich die Frage mit einem klaren “Ja” beantworten können. Doch das tue ich nicht. Ich habe sogar eher das Gefühl, von Tag zu Tag weniger frei zu sein. Ich habe Verpflichtungen, muss meine Zukunft im Auge behalten und gleichzeitig den Moment geniessen. Zudem werde ich von einer Mischung aus Emotionen geleitet. Mein Bewusstsein ist in einem Körper gefangen, welcher mir zwar vieles ermöglicht, mich aber dennoch auch einschränkt. So gesehen werde ich also niemals “wirklich frei” sein können, da meine physischen und psychischen Beschaffenheiten dem im Wege stehen. Ich werde nie aus eigenem Antrieb selbst  fliegen können oder ohne Hilfsmittel unter Wasser atmen, selbst wenn ich es gerne würde. Bereits da hört meine Freiheit auf. Ich werde auch nicht ewig leben, da der Tod die Zeit meiner Freiheit begrenzt. Meiner Meinung nach ist dies die fatalste Grenze von allen, denn sie bleibt bestehen, egal was man tut. Unsere Lebenszeit erlaubt keine Pausen, keine Auszeiten, keine Verlängerungen. Wenn sie abgelaufen ist, zu spät, keine weitere Diskussion. 

 

Aber genug von der Zeit. Ich möchte “Grenzen an sich” betrachten. Grenzen existieren auf verschiedenen Ebenen, seien sie durch unser Umfeld, unseren Körper, unsere Psyche oder durch etwas ganz anderes, was der Mensch vielleicht gar nicht begreifen kann, ins Leben gerufen worden. Kurz gesagt gibt es viele verschiedene Arten von Grenzen. Kann ich daraus schlussfolgern, dass ich nicht frei bin und es auch nie wirklich sein werde? Nun, ich denke auf eine gewisse Weise schon. Doch erhalte ich auch erst durch eben diese Grenzen überhaupt die Chance zu leben. Ohne meinen Körper könnte es kein Bewusstsein geben, welches mich steuert, welches “Ich” bin. Ohne vergehende Zeit würde ich nichts aus meinen Träumen machen, weil ich wüsste, dass nichts drängt. Vielleicht würde ich gar keine Träume haben, wenn ich nicht sterblich wäre. Und was ist ein Mensch ohne seine Ziele anderes als eine leere Hülle, die Tag nach Tag abhakt? Ohne diese Komponenten wäre ich nicht die Person, die ich heute bin. Ich wäre schlichtweg nicht existent. 

 

 

Wenn ich das Ganze aus dieser Sicht betrachte, fällt mir schnell auf, dass der Mensch, oder wenn man es etwas grösser mag das ganze Universum, nur durch Einschränkungen und Grenzen frei sein kann, überhaupt zulässig ist. Ohne Grenzen würde nichts eine Form, eine Persönlichkeit oder eine Zeit zu leben haben. Grenzen schenken mir auf diese Weise also, trotz ihrer Existenz, die mich bis zu meinem Tod einschränken wird, Freiheit. Das ganze ist sehr paradox. Doch kann man sich Grenzen auch als Münzen vorstellen, welche zwei Seiten haben, zwei Blickwinkel, zwei Realitäten. 

 

Am Ende des Tages glaube ich fest daran, dass Freiheit ist, was wir persönlich aus ihr machen. Freiheit kommt nicht von aussen, denn auch wenn die äusseren Parameter stimmen, können wir uns immer noch durch unsere Gedanken einsperren. Und auch wenn wir von aussen eingesperrt werden, können wir in uns, in unserem eigenen, persönlichen Universum die Freiheit finden, die wir uns wünschen und die uns sonst niemand geben kann. Und das finde ich wunderschön. Doch habe ich nicht den ganzen Tag Zeit über Solches nachzudenken, ich habe noch so viel zu tun. Ich stehe auf und starte in meinen Tag, wie ich es auch schon gestern getan habe. 

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