Mach mit!

Wenn Du hier klickst, gelangst Du zum Mitgliederformular. Wir freuen uns auf Dich!

Freiheit und Ich im Hier

Freiheit und ich; ich frage mich –  was ist das überhaupt? Dieser Text nimmt Dich mit auf (m)eine kleine Gedankenreise. Möglicherweise gelingt es mir sogar Dich für dieses Thema zu begeistern. Denn höchstwahrscheinlich hast Du nach kurzem Überlegen bereits festgestellt, die Frage nach der Bedeutung des Begriffs «Freiheit» ist eine schwierige. 

 

weiterlesen

Wir alle kennen das Wort Freiheit. Fast täglich werden wir damit konfrontiert; egal ob wir schulfrei haben, uns beim Bungeejumping im freien Fall befinden, uns Red Bull Flügel verleiht, wir in Frankreich einem «liberté, égalité, fraternité» Schild über den Weg laufen oder in der Zeitung lesen ein Schwerverbrecher komme nach 20 Jahren wieder frei. 

Aus den unzähligen Ergebnissen meiner Google-Suche stechen für mich folgende zwei hervor. Die eine besagt, man habe in einem physischen Raum keine Einschränkungen und könne sich dementsprechend frei bewegen – kurz Bewegungsfreiheit. Die andere bezeichnet Freiheit als Zustand, in welchem man von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwänge oder Last empfundene Bindungen oder Verpflichtungen, frei ist und sich so in seinen Entscheidungen nicht (mehr) eingeschränkt fühlt. In diesem Fall stellt Unabhängigkeit ein gutes Synonym für „Freiheit“ dar. Um dies zu erläutern: Es ist mir somit beispielsweise egal, ob und falls ich für mein äusseres Erscheinungsbild verurteilt werde. Die Verurteilung interessierte mich also entweder von Anfang an nicht oder ich habe gelernt, wie ich damit umgehen kann und habe mich für Gleichgültigkeit o.Ä. entschieden. 

 

In ihrem Essay «Frei sind wir nie, aber immer freier können wir werden» beschreibt Mériam Korichi, Philosophin und Theaterregisseurin, das Problem, was sich auch mir stellt.

 

“Den Begriff «Freiheit» zu definieren ist – weil der Begriff so überaus komplex und facettenreich ist – nicht nur ein schwieriges Unterfangen, sondern führt uns wegen so mancher unauflösbaren ethischen und politischen Widersprüche möglicherweise auch in gleich mehrere Sackgassen. Vielleicht werden wir sogar feststellen müssen, dass es unmöglich ist, die Freiheit des Menschen als etwas real Existierendes zu definieren. Wir haben es hier mit einem Begriff zu tun, der schwer beladen ist mit einer aufsehenerregenden theoretischen und politischen Geschichte – weswegen der Freiheitsbegriff als überaus dichter beschrieben werden kann. Wie leicht lassen sich die Wörter «„Freiheit»“ oder «„Unabhängigkeit»“ äußern oder besetzen, ja in ihrer Bedeutung manipulieren. (…)” (Korichi, 2017)

Doch wodurch kommen wir überhaupt auf die Idee, über Freiheit nachzudenken? Wäre man freier, wenn man gar nicht erst auf den Gedanken kommen müsste, unfrei zu sein? Wir würden uns wahrscheinlich gar nicht die Frage der Freiheit stellen, wenn es keine Unfreiheiten gäbe. 

 

Da, wie wir bereits sehen konnten, eine konkrete Definition schwierig ist, bleibt es jedem Menschen selbst überlassen, sich eine eigene Auffassung zu schaffen. Meine Auffassung  des Worts “Freiheit” lautet wie folgt: «Freiheit ist; wenn ich alle Menschenrechte habe, auf eigenen Wunsch meine Gefühle bekunden, sowie tun und lassen kann, was ich will, solange ich dabei niemandem ernsten Schaden zufüge.» 

Wo treffe ich also meine definierte “Freiheit” an? Finde ich sie dort, wo keine Macht existiert, ich frei von aufgezwungenen Verpflichtungen bin? Doch man bedenke nur die allgegenwärtigen Machtverhältnisse unseres Alltags und eine solche Vorstellung stellt sich als schwierig heraus. Denn bezeichnen wir uns nicht als speziell freie Menschen, wenn wir Macht ausüben, die Zügel in der Hand halten können? Müssen wir uns Macht nehmen, damit wir überhaupt welche haben? Wie dem auch sei: Es wirken Mächte auf uns und gleichzeitig üben wir sie auch aus. Egal ob in der Schule, zuhause, auf der Strasse oder in der Politik. 

In meinem Alltag gibt es sowohl viele verpflichtende Tätigkeiten, welchen ich nur ungerne, als auch Verpflichtungen, welchen ich durchaus gerne nachgehe. Wäre ich demnach auch als unfrei zu bezeichnen, wenn ich mich nur der zweiten Hälfte widmen würde, da es sich dabei trotz der Freude, die sie mir bereiten, um Verpflichtungen handelt? Denn wenn ich sage, dass Glückseligkeit für mich einen Teil meiner Freiheit darstellt, so sollte ich mich in diesen Momenten frei fühlen. Und dies obschon meine Situation zu diesem Zeitpunkt nicht auf einer freien Entscheidung beruhen würde. 

Nicht alle, aber viele soziale Machtverhältnisse basieren auf unausgesprochenen Regeln. Von klein auf konnten wir beobachten, wie der Hase in unserer Gesellschaft läuft und haben diese Abläufe verinnerlicht. Keiner setzt sich zu einem kleinen Jungen hin und teilt ihm mit, dass er als Mann im Gegenteil zu Frauen das Privileg habe, auf der Strasse fremde Menschen anzustarren. Das habe ich erst in meiner jetzigen Schule im Deutschunterricht wirklich verstanden – Der Lehrer stellte der Klasse die Frage, ob uns diese Muster von festgelegten Verhaltensweisen mal aufgefallen seien. Und ich dachte mir nur: «Ja, wie elend. Kennen tu ich das Gefühl. Das Gefühl sich als Frau unterordnen zu müssen.» Ja, ich finde es schrecklich, doch gleichzeitig weiss ich auch, dass das Brechen dieser Regeln sehr unangenehm sein kann. Sich in der zugewiesenen gesellschaftlichen Position nicht so zu verhalten, wie dies erwartet wird, braucht viel Energie, Stärke und Durchsetzungsvermögen. Ich als junge, gebildete, weisse, europäische Frau befinde mich im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Gruppen hier in einer privilegierten Situation. Wenn bereits mir diese Dinge auffallen und ich immer wieder von diesen Mustern betroffen bin, wie muss diese “Einschubladisierungen” und die dadurch vorprogrammierte Benachteiligung  für Menschen in einer unterprivilegierteren Situation aussehen? Mein Lehrer fuhr fort und forderte uns dazu auf, uns einmal auf die Freie Strasse zu stellen und dies zu beobachten. Und ich war entschlossen: «Sicher tu ich das. Nicht mit mir. Da muss ich doch was bewegen können!» Doch gelingt es mir auch konsequent im Alltag, diese gesellschaftlichen Muster zu erkennen und etwas an ihnen zu verändern? Wahrscheinlich nicht. Habe ich nicht auch wie alle anderen meine Karriere- und Familienpläne? Kann ich mir dessen sicher sein, wenn ich als Frau sage, dass ich nach der Geburt meines potentiellen ersten Kindes nicht die Hausfrauenrolle übernehme?  Ist diese klassische Rollenverteilung, auch wenn sie heute abgeschwächter ist, nicht zu sehr in jedem Einzelnen verankert? 

 

Wenn wir einen Blick auf die Philosophie werfen, merken wir, dass für Sokrates Freiheit die Abwesenheit von Zwängen, kurz Unabhängigkeit, bedeutet. Sind wir demnach bereits durch die reine Existenz von gesellschaftlichen Mustern als unfrei zu bezeichnen? Denn in dieser Gesellschaft bewegen wir uns konstant in ihnen. Sie regeln unseren Alltag und geben uns eine Lebensstruktur. Diese sei nach Gehlen existentiell für den Menschen. Durch das System, in welchem wir leben, haben wir freilich alle unser eigenes Leben, dieses unterscheidet sich jedoch im Grunde nicht gross von dem anderer. 

Auch Jean-Jacques Rousseau spricht von etwas Ähnlichem wie Sokrates: «Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.» (Vom Gesellschaftsvertrag, Buch 1, Kapitel 1)

Theoretisch könnte man die extreme Behauptung aufstellen, dass die Menschen sowieso unfrei sind, egal wie, wo oder wann sie leben. Banal dargestellt haben wir, wie jedes Produkt, welches wir kaufen, ein Abpack- und Ablaufdatum. Niemand wird ewig als Mensch  auf der Erde bleiben. Im Grunde sind wir alle ein kleiner Teil im biologischen Zyklus des Planeten. 

 

Im Buch «Die Freiheit frei zu sein» schreibt Hannah Arendt von Revolutionen, speziell der Französischen und Amerikanischen, und dem Begriff Freiheit. In diesem Zusammenhang blieb bei mir insbesondere die Erkenntnis hängen, dass in einem System, in welchem nicht die Grundbedürfnisse von allen Menschen befriedigt werden, vor der Freiheit erst eine Befreiung stattfinden muss. Erst danach, kann die Freiheit erlangt werden, frei zu sein. Mit anderen Worten: Erst wenn unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind und wir uns somit nicht mehr ums nackte Überleben kümmern müssen, können wir frei denken, leben, philosophieren und vieles mehr – kurz frei sein. 

 

Es scheint fast so viele Ansichten zum Thema “frei sein” zu geben, wie Sand am Meer. Dadurch stand ich während des Schreibens oftmals vor der Frage, was ich denn eigentlich mit diesem Artikel aussagen will. Um ausserhalb meines Bekanntenkreises Neues zu hören, fragte ich aus meiner Ratlosigkeit heraus einen fremden jungen Mann, was denn Freiheit für ihn bedeute. Unser Gespräch dauerte etwa eine halbe Stunde, in der er mir mehr als eine neue Gedankentür öffnete. Bis zum jetzigen Zeitpunkt weiss ich immer noch nicht, inwiefern ich ihm zustimmen kann. Hier ein Kerngedanke daraus: Seiner Meinung nach beginne die Freiheit bei jedem Menschen im Kopf. Egal in welchem System man lebe, ob bei uns oder in Mexiko auf dem Land, im Endeffekt fange die Freiheit im eigenen Kopf an, und höre da auch wieder auf. 

 

Am Ende dieser Gedankenreise um die Bedeutung des Wortes Freiheit stimme ich definitiv Otto Bismarck zu; Freiheit ist ein vager Begriff. 

 

“Freiheit ist ein vager Begriff.”  – Otto von Bismarck 

 

Der Begriffe “Freiheit” kann sehr unterschiedlich verstanden und genutzt werden. Die Bedeutungen, welche ein Individuum diesem Wort zuordnet, können sehr verschieden sein. Eine Verallgemeinerung ist schlicht unmöglich.

 

Aktuelle Artikel

...
Mehr Artikel
laden

Aktuelle Videos

...
Mehr Videos
laden